Wochenimpuls

Nicht ohne Mutter Kirche

Schwestern und Brüder,

wann sterben Sie? Wo sterben Sie? Wie sterben Sie? Auf diese Fragen haben wir alle keine Antworten. Gleichwohl spüren wir, dass uns diese Fragen bewegen, bedrängen und beängstigen. Und wenn ich Sie frage: Wohin sterben Sie?, ist die Verwunderung zu recht groß. Denn wohin sterben wir wohl, als dem Grab, dem Ende, dem Tod entgegen. „Der Tod ist wie der Mond. Niemand hat seinen Rücken gesehen," sagt ein afrikanisches Sprichwort. Wir sehen den Tod immer nur von vorn. Wir sehen ihn nicht von der Seite, wenn er an uns vorübergeht. Wir sehen ihn nicht von hinten, wenn er an uns vorbeigegangen ist. Wir sehen ihn immer nur von vorn. Er kommt ein Leben lang auf uns zu. Und wenn er da ist, sind wir weg. Aber wohin sind wir?

Auf diese existentielle Frage gibt uns der christliche Glaube eine tiefe Antwort: An Ostern feiern wir die Auferweckung Christi: Gott lässt seinen Sohn Jesus Christus nicht im Tod, sondern erweckt ihn zu neuem Leben. An Christi Himmelfahrt feiern wir die Heimkehr des Sohnes zum Vater. Christus ist der erste am Ziel: Bei Gott. Christi Himmelfahrt zieht Maria Himmelfahrt nach sich: Der Sohn Gottes holt die Mutter Gottes zu sich ins Leben. Maria ist der erste Mensch und das erste Geschöpf vollendet bei Gott. Wo Maria bereits ist und lebt, dorthin sind wir Christen noch unterwegs: Zu Gott. Christus ist dabei Orientierung: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich" (vgl. Joh 14, 6). Die Kirche, die Pfingsten gegründet wird, ist Weggemeinschaft, Wahrheitsgemeinschaft und Lebensgemeinschaft: Sie geht auf dem Weg, der Christus ist. Sie verkündet und bezeugt die Wahrheit des Evangeliums. Sie speist uns mit dem österlichen Leben, das kein Tod mehr töten kann. Sie leitet uns im Leben, Leiden, Sterben und im Tod, damit wir das Ziel, Gott selbst, erreichen. Diese Sorge um uns, Gottes Kinder, macht die Kirche zur Mutter: Mutter Kirche! Die Kirche ist unsere geistliche Mutter, die mit uns schwanger geht. Der Kirchenraum ist der Mutterleib, in dem wir mit dem Wort Gottes, dem Brot Gottes, dem Leben Gottes genährt werden und auf Gott hin wachsen. Erst im Tode werden wir abgenabelt von Mutter Kirche, wenn sie uns in die Ewigkeit Gottes hineingebiert und uns seinem Urteil unterstellt. Der Tod ist die Geburt in Gott hinein: „Wer heimkehrt zum Herrn," hat der heilige Hieronymus gesagt, „bleibt in der Gemeinschaft der Gottesfamilie. Er ist uns nur vorausgegangen." In dem bedenkenswerten Lied GL 465 lautet das so:

„Das Jahr lehrt Abschied nehmen schon jetzt zur halben Zeit.
Wir sollen uns nicht grämen, nur wach sein und bereit,
die Tage loszulassen und was vergänglich ist,
das Ziel ins Auge fassen, das du, Herr, selber bist.

Du wächst und bleibst für immer, doch unsre Zeit nimmt ab.
Dein Tun hat Morgenschimmer, das unsre sinkt ins Grab.
Gib, eh die Sonne schwindet, der äußre Mensch vergeht,
dass jeder zu dir findet und durch dich aufersteht."

Wohin also sterben wir? Gott, dem Leben, der Ewigkeit entgegen! Mit und durch Mutter Kirche wachsen wir ein Leben lang auf Gott hin. Was wären wir ohne sie? Was machten wir ohne sie? Mutter Kirche hat noch Glauben an Gott und Hoffnung auf Ewigkeit, wenn unsere Seelen längst leer sind. Ohne Mutter Kirche geht es nicht! Die Liebe der Mutter zu uns und unsere Liebe zur Mutter sind eins. Deshalb konnte Karl Rahner sagen: „Die Kirche ist eine alte Frau mit vielen Runzeln und Falten. Aber sie ist meine Mutter. Und eine Mutter schlägt man nicht."

Ihnen allen eine gesegnete Ferienzeit.

Ihr

Christoph Bittern, Pastor