Wochenimpuls

Lebens - Herbst - Gedanken

Schwestern und Brüder,

wir sind im Herbst angekommen: Dunkelheit, Sturm, Regen, Nebel, kahle Äste, gelbes Laub geben dem Herbst sein Gesicht. Der Herbst des Jahres ist Sinnbild des Lebens selbst, das in den Herbst gekommen ist: Allerseelen, Totensonntag, Volkstrauertag und Friedhofsbesuche prägen besonders die Herbstmonate Oktober und November. „Der Mensch gleicht einem Hauch. Seine Tage sind wie ein flüchtiger Schatten," heißt es im Psalm 144,4. Mitten im „Herbst des Lebens" begegnet uns an vielen Stellen das Kreuz Christi: Ausdruck der österlichen Hoffnung auf Ewigkeit und der Liebe Gottes, die stärker ist als der Tod. So möchte ich Ihnen im Herbst einige Kreuz – Gedanken anbieten:

Als am 11. September 2001 die Zwillingstürme des World Trade Centers in New York in sich zusammensanken, formten Arbeiter aus dem Stahl, den sie in den Schuttbergen, die 3000 Opfer unter sich begruben, fanden, ein Kreuz und stellten es als Mahnmal und zum Trost auf. Als in der Nacht vom 16. auf den 17. Mai 1943 die Möhnekatastrophe Tausende Menschenleben forderte und die Flutwelle Zerstörung, Tod und Trauer hinterließ, wurden in der St. Johannes-Kirche angesichts des Kreuzes Tote aufgebahrt, um sie getrauert und für sie gebetet. 100 Millionen Christen werden heute weltweit diskriminiert und verfolgt. Sie sind die Kreuzträger, die Märtyrer unserer Tage. Sie sind „Kirche in Not." Von ihnen sagt Pater Werenfried van Straaten: „Unsere verfolgten Brüder und Schwestern sind die Elite der Kirche. Mit ihnen solidarisch zu sein, ist eine Ehrensache."

Kreuze stehen am Straßenrand. Sie erinnern an Menschen, die im Straßenverkehr zu Tode gekommen sind. Auf den Kreuzen stehen ihre Namen, ihre Lebensdaten und nicht selten die Frage: „Warum?" Kreuze stehen in Feld und Flur. Sie laden zum Verweilen, Betrachten und Beten ein. Sie erinnern uns Christen, dass wir nicht nur Wanderer sind, sondern Pilger: Pilger zu Gott. Kreuze sind Spuren Gottes am Weg. Auf dem Kreuz vor der St. Franziskus-Kirche steht: „Im großen Spiegel der Natur siehst du des lieben Gottes Spur. Doch willst du ihn noch größer seh`n, so bleib`vor seinem Kreuze steh`n." Kreuze geben wir unseren Sterbenden in die Hände als Halt und zum Trost; Kreuze geben wir unseren Toten in die Hände als Hoffnung auf Ewigkeit. Kreuze stehen auf unseren Friedhöfen und Gräbern als sichtbarer Ausdruck österlichen Glaubens an das ewige Leben bei Gott und in Gott. Kreuze tragen wir am Hals: Nicht nur als Schmuck, sondern als Zeugnis. Mit dem Kreuzzeichen beginnen wir den Tag. Mit dem Kreuzzeichen beginnen wir die Nacht. So steht unser ganzes Leben unter Gottes Segen.

Unsere Lebenskreuze sind vielfältig und stehen an vielen Orten. Das eine Kreuz Christi steht auf Golgota: Es steht zwischen Himmel und Erde, verbindet Himmel und Erde, Gott und Mensch und die Menschen untereinander zu Christen. Wie Maria, die Mutter des Herrn, und Johannes, der Jünger des Herrn (vgl. Joh 19, 25-27), stehen wir Christen unter dem Kreuz und richten unseren Blick auf ihn: Den gekreuzigten Gott, denn: „Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben, im Kreuz ist Hoffnung." Zur Nachfolge gehört die Kreuzesnachfolge. Christi Kreuz hilft uns, in den „Herbst-erfahrungen" unseres Lebens bei Gott zu bleiben, an Gott festzuhalten: „Freude und Leid, Geburt und Tod, Angst und Glück (…) alles ist Rohstoff für unsere Heiligung," sagt Chiara Lubich. „Heilige sind Menschen, die fähig sind, das Kreuz zu verstehen. (…) Ihr ganzes Leben lang haben sie es geliebt. Sie haben erkannt und erfahren, dass das Kreuz der Schlüssel zu einem Schatz ist, der einzige Schlüssel, der den Schatz öffnet: Das Kreuz öffnet die Menschen allmählich für die Gemeinschaft mit Gott. (…) Das Kreuz ist also notwendig, damit das Göttliche ins Menschliche eindringen und der Mensch in größerer Fülle am Leben Gottes teilnehmen kann und vom Reich dieser Welt zum Reich des Himmels gelangt."

Ich wünsche Ihnen, dass Sie im „Herbst des Lebens" die Kraft des Kreuzes erfahren.

Ihr

Christoph Bittern, Pastor