Wochenimpuls

Tiefenbohrungen

Schwestern und Brüder,

unser Leben sei ein Schreiten zwischen zwei dunklen Räumen, sagt Madeleine Delbrel: Der Dunkelheit des Menschen auf der einen Seite und der Dunkelheit Gottes auf der anderen Seite. Das Bild ist nachvollziehbar: Wenn sich unser Leben unseren Planungen entzieht; wenn wir mit plötzlichen Krankheiten und Todesfällen zu tun bekommen; wenn wir den Arbeitsplatz verlieren und unter Existenzangst leben, dann erfahren wir das Leben als undurchsichtige und dunkle Nebellandschaft. Und auf der anderen Seite: Wenn unsere sicher geglaubten Gottesbilder zerschellen; wenn der Glaube schwindet und Zweifel sich breit macht; wenn wir Gott nicht mehr feiern, sondern nur noch fragen: Wer bist du, Gott? Wo bist du, Gott? Warum ich? Warum jetzt? Wie lange noch?, dann erscheint uns Gott fern, unerreichbar und fremd. Leben ist der schmale Grat zwischen diesen Dunkelheiten und wir müssen aufpassen, dass wir die beiden Dunkelheiten, Gott und Mensch, nicht gegeneinander ausspielen. Wie überlebt der Glaube in einer solchen doppelten Dunkelheit?

„Der Glaube will unterhalten sein wie ein Feuer... In weiten Gebieten der Welt kennen die Leute als Brennstoff nur Holz – und anderswo Holz und Kohle, aber es gibt auch Öl. Um eine Ölschicht zu erreichen, spielt die Ausdehnung keine Rolle. Man braucht nicht Tausende von Quadratkilometern auszubeuten, auch kein System unterirdischer Galerien anzulegen. Man bohrt senkrechte Schächte, deren Öffnung lächerlich eng ist, aber man dringt so tief hinunter wie nötig, um die Ölschicht zu erreichen. … Solch ein kräftiges, sichtloses Hinabtauchen strebt in der Tiefe zu Gott hin, in konzentrierten Akten des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. Ihre Beharrlichkeit besteht in einer gebrochenen Linie, aber ihr wiederholter Vorstoß erreicht die Tiefe zu der Stunde, die Gott bestimmt, an der Stelle, wo man Gott schöpft," sagt Madeleine Delbrel.

Auf den schmalen Grat des Lebens zwischen der Dunkelheit des Menschen und der Dunkelheit Gottes hat, so glauben wir Christen, Gott selbst sich begeben. Durch seine Menschwerdung in der Krippe von Bethlehem und durch seine Lebenshingabe am Kreuz von Golgotha hat der Sohn Gottes unsere Dunkelheiten geteilt. Wer mit diesem Gott leben will, muss tief bohren. Bei diesen geistlichen Tiefenbohrungen müssen wir durch unterschiedliche Schichten, Gesteine und Gerölle hindurch, bis wir in der Tiefe das Öl des Glaubens, Gott selbst, schöpfen. Wir Christen müssen nicht immer wieder neu Stelle und Stunde der Bohrung festsetzen. Generationen vor uns haben in der Kirche nach Gott gesucht und ihn in der Tiefe gefunden und geschöpft. Die Kirche ist das BOHRZELT: Das Zelt, das über dem BOHRSCHACHT dauerhaft errichtet ist. Im Gottesdienst und in der Messe schöpfen wir Gott, das Öl, damit der Glaube unterhalten wird wie Feuer. Die beiden SCHÖPFGEFÄSSE, die uns Christen zur Verfügung stehen, sind die OHRMUSCHEL für das Wort Gottes: Die Lesungen und das Evangelium, und die HANDMUSCHEL für das Brot Gottes: Den Leib Christi. Gott lässt sich schöpfen und empfangen: VON UNS, damit er IN UNS lebt und der Glaube AN IHN befeuert wird.

Ohne geistliche Eigeninitiative geht es also nicht, denn der Glaube lässt sich nicht bequem delegieren. Bei aller Entwicklung, die es im geistlichen Leben gibt, geht es nicht ohne Kontinuität „im Bohren und Schöpfen." Eine fastfood – Mentalität passt nicht zum Glauben. Ohne dauerhafte kirchliche Bindung wird der Glaube nicht wie ein Feuer unterhalten, sondern erlischt wie ein Feuer ohne Öl, denn der dreifaltige Gott und die geistgewirkte Kirche sind innerlich verbunden. Christsein ist ohne Kirchesein nicht möglich. Der Glaube lebt in und mit der Kirche, nicht ohne oder gegen sie, weil der Glaube das Öl braucht, das die Kirche zum Schöpfen bereithält. Die Leidenschaft für Gott, die Freude am Glauben und die Liebe zur Kirche gehören zusammen. Ohne unsere Bereitschaft zu KOMMEN, zu SCHÖPFEN und zu GLAUBEN, geht es nicht. Was nützt der Kirche sonst ein Ölvorrat, den keiner schöpft?

Ihnen einen guten Sonntag und eine gesegnete Woche

Ihr Christoph Bittern, Pastor